Montag, 19. Januar 2009

DAS MICALVI

Waehrend meiner nun wohl zweimonatigen Reise durch den Kontinent ist mir kein Abschied so schwer gefallen, wie der von Puerto Williams, von der Isla Navarino. Schwer auch, weil ich hier meinen ersten Job gefunden hatte: Im Micalvi, der tollsten Kneipe vom Ende der Welt.

Also; wer in die Antarktis segelt, oder gerade aus der Antarktis kommt und zum Aufwaermen nach Panama oder Brasilien will, der macht Halt in Puerto Williams und kehrt ein im Micalvi. Und die Leute dort hatten einfach viel zu wenig JJ Cale gehoert, ... bis meine Festplatte (die ich ja wie einen sich staendig mit der Musik der Welt fuellenden Schatz tief, tief im Rucksack trage) eingesegelt kam. Ich heuere also als DJ an und werde (voellig ohne jede Umwege) in Bier und Pisco Sour bezahlt. Achja: Und in dieser Kneipe kursieren WIRKLICH spannende Geschichten!



Ein Foto vom "Deck" der Kneipe. Die Kneipe ist in ein altes Schiff gebaut, welches gleichzeitig auch als Anleger fuer die ein- und auskommenden Segler dient.


Der alte Kahn liegt mit Schieflage auf dem Grund des kleinen Hafenbeckens und schnell findet man heraus, dass man gegen die Schieflage einfach nur antrinken muss. Ein Glueck, dass es Pisco Sour gibt.


Meine Arbeitskollegen. Ricardo und Anibal (die Jungs aussen) machen auf der Insel ein Forstwirtschaftspraktikum und haben natuerlich sofort den Braten gerochen und sich den bestmoeglichen Nebenjob verschafft; klar im Micalvi. Das ging auch deswegen so gut weil die Frau vom Chef (Francisco, der in der Mitte) gerade im Urlaub im Warmen war.



Hier ist der Beweis, dass ich auch wirklich hart gearbeitet habe fuer mein "Geld".



Am Morgen (oder wahrscheinlich eher am Mittag) an Deck des Micalvi.

PUERTO WILLIAMS

Ich lungere einige Tage im Hafen von Ushuaia herum und habe Glueck: Eine polnische Antarktisexpedition nimmt mich die 50 Meilen bis Puerto Williams, auf der Isla Navarino, mit. Damit komme ich also an; suedlich von mir liegt nur noch Kap Horn, wohin von Ushuaia aus taeglich randvolle Blechdosen zum grossen Fotomachen ablegen und ich beschliesse: Das schenke ich mir, weiter wird es nun nicht mehr gehen. Ich bin am Ende meiner Reise nach Sueden angelangt.


Abschied (der mir im Uebrigen alles andere als schwer faellt) von Ushuaia.



Die Jungs sind so freundlich und leihen mir eine gute Jacke; bei den eisigen Winden in der Beagle Bucht haette ich ohne die ganz schoen alt ausgesehen.



Bug voraus: Puerto Williams; suedlichste Stadt, suedlichstes Dorf, was auch immer, der Welt.





Diese Blechdaecher (ich fotografiere von der Veranda meines Bed&Breakfast) sind sehr typisch fuer Puerto Williams.



Ein paar alte Dampfer.

USHUAIA, ... UND JETZT?

Kommt man nun also noch weiter, als bis in den Souvenirshop-EndOfTheWorld (Ushuaia) oder wars das? Ushuaia selbst ist zwar schoen, aber dafuer der weite Weg?


Der voellig hirnverbrannte und sinnlose Krieg um die Islas Malvinas (besser bekannt als Falkland-Islands) hat tiefe Spuren im Kollektivgedaechtnis hinterlassen (s.o). Auesserst interessant ist uebrigens, dass sich rein historisch-moralisch (zumindest in der argentinischen Bevoelkerung) noch keinerlei Position mit Deutungshoheit durchgesetzt hat und vielmehr durch alle Schichten die unterschiedlichsten Positionen vertreten werden.

Ushuaia, vom Hafen aus gesehen.



Dies ist die argentinischste argentinische Flagge, die ich je gesehen habe. Welchen Eindruck sie wohl auf Halbmast vermittelt...?



Von der Hafenmole aus fotografiertes Sonnenspektakulumszeug.


Bin zum Duschen mal wieder in ein Hostel eingecheckt. Dafuer war die Sicht ausm Fenster aber wirklich genial.

VON RIO GALLEGOS BIS USHUAIA

Also, von Rio Gallegos nach Ushuaia. Ein Blick auf die Karte lohnt sich wirklich sehr! Hier kommt naemlich folgende Kuriositaet ins Spiel: Will man von Santa Cruz ("zweit-suedlichste" Provinz Argentiniens) nach Tierra del Fuego (suedlichste Provinz Argentiniens) reisen, muss man dafuer durch einen Zipfel Chiles durch. Es geht nicht anders. Nuuun; die Argentinier und die Chilenen sind, man kann es wohl so sagen, in einigerlei Hinsicht, manchmal, zumindest vereinzelt, aber ganz pauschal gesagt: Manchmal einfach nicht so gut aufeinander zu sprechen. Kann aber auch alles nur ein boeses Geruecht sein. Wie dem auch sei; um also von R. Gallegos nach Ushuaia zu kommen, muss man aus-, ein- wieder aus- und wieder einreisen. Die Chilenen haben fuerchterliche Angst vor verkeimtem Gemuese und so muss man eine vollstaendige Gepaeckdeklaration sowie in aller Regel -visitation ueber sich ergehen lassen. 4 Stempel, viermal ewig lange warten und gefunden haben sie meine aus blossem Trotz im Laster versteckten Tomaten dann trotzdem nicht. Egal. Ich habe sogar noch Glueck, wie sich herausstellt, denn die Busse muessen noch viel laengere Wartezeiten in Kauf nehmen und da fuehle ich mich auf meinem Laster (Fracht: Bier!) sehr, sehr viel wohler. Die 450 Kilometer erscheinen durch den fuerchterlichen Zustand der Strasse im chilenischen Teil noch laenger, als sie es ohnehin schon sind. Nach einhelliger Meinung der argentinischen Camioneros (LKW-Fahrer) dieser Gegend (und ich habe mit vielen gesprochen!) ist der Strassenzustand auf der chilenischen Seite im uebrigen nichts als blosse Schikanierung durch die boese, boese chilenische Regierung. Ich halte mit meiner Meinung hinterm Berg und geniesse meine erste Nacht in einer Lasterkajuete, da die rostige, rostige argentinische Motorkuehlung mitten in Tierra del Fuego ihren Geist aufgibt...



Selbstportrait. Noch in voller Fahrt.

Feuerland selbst ist eine Insel. Man muss mit der Faehre (Fahrtzeit rund 20 Minuten) ueber die (man kennt sie noch aus der Schule...) gute alte Magellanstrasse uebersetzen.


Angekommen in Feuerland.


Die Grenzstation nach Argentinien, Tierra del Fuego (Provinz).



Im suedlichen Teil der Insel Feuerland findet sich auch wieder eine sehr, sehr spannende Vegetation.

PANNE AUF DER RT. 40

Ich bin also unterwegs mit dieser Bande von Israelis, die die Klugheit besassen, dem Vermieter ihres Wagens die glorreiche Luege aufzutischen, sie wuerden natuerlich selbst-ver-staend-lich ueber die Kuestenstrasse (befahrbar) und nicht ueber die Rt. 40 (naja) nach Sueden fahren. Das absolut aberwitzige Tempo, mit dem die Jungs das Auto durch die Wueste schleudern, sollte am naechsten Morgen schon Folgen haben. Hier der Versuch, dem Automobilismus etwas abugewinnen.


Wir stehen frueh auf, weil der Wind es ab 05:00 unmoeglich macht, ein Auge zuzudruecken. Wer sich umschaut, wird sehen, dass wir aber auch wirklich keinen Baum zur Deckung finden konnten.

Tja. Hier also das Ergebnis unserer Raserei. Mit phasenweise bis zu 70 Sachen wird der arme Ford ueber den Schotter gequaelt. Nachdem der Steinschlag unsere Filteranlage ins Grab befoerdert hat, geht es langsamer vorwaerts.


Das mit der Filteranlage wissen wir hier uebrigens noch nicht. Wir schnorren also Benzin und stellen dabei fest, dass wir zwar aufgrund der defekten Filteranlage wirklich alles Benzin verloren haben, der nachgefuellte Treibstoff aber schon auslaueft, wenn man nur auf das Gaspedal schielt...


Wir schieben also bis zur naechsten Werkstatt. Ich habe im Nachhinein ermittelt, dass zwischen der letzten Werkstatt und der, die wir letztlich anfuhren ungefaehr 350 Kilometer lagen. Geschrottet haben wir den Wagen ungefaehr fuenf Kilometer vor der Werkstatt. Einen Wagen fuenf Kilometer durch die sengende Sonne zu schieben mag verdammt hart sein (siehe oben), trotzdem sollte man unserer Glueck als mindestens unverschaemt betiteln...



Abschied im Wind. Ich will weiter nach Rio Gallegos, die Jungs nach El Chalten.

Rt. 40 - PART III

Schnapschuesse vom Strassenrand:


Pferde.

Wer ein Herz fuer Stossdaempfer hat, bekommt hier Mitleid.


Vorsicht; Wind.


Dies ist mein letzter Abend 2008.


An jener einsamen, einsamen Kreuzung hat mich eine dieser Banden von israelischen Kriegsdienstentlassenen aufgelesen. Man sollte, um das ausgelassene und manchmal etwas (bei allem Respekt!) "fragwuerdige" Reiseverhalten der Jungs aus Israel besser zu verstehen, wissen, dass die armen Teufel direkt, und zwar direkt nach der Schule 3 Jahre lang zum Militaerdienst muessen. Und die Leute reagieren da eben so und so drauf.

RT. 40 - PART II

Immer weiter nach Sueden.
Immer weiter nach Sueden.


Facundo hat mich bis Bariloche gebracht. Seine Frau ist Mapuche, er glaeubiger Christ, zumindest seit seiner letzten Befoerderung, sagte er.


In den Waeldern von El Bolson habe ich einen Auswanderer aus Deutschland getroffen, der ueber den wertvollen Schatz Vollkornmehl verfuegte. Wenn ich daran denke, dass wir von unserem Brot, was wir die Nacht ueber gebacken haben, gerade einmal zwei Scheiben gegessen hatten, als es die Hunde geraubt haben, werde ich immer noch nervoes. Joako hat mir noch ein wenig von seiner letzten Honigernte geschenkt.



Ich habe waehrend der langen Wartezeiten ein inniges Verhaeltnis zu den Schildern entwickelt, die oft meine einzige Gesellschaft waren.


Mein kunterbunter Lift bis Perito Moreno.


Meine Fahrerinnen waren zweifelsohne nett, aber, harburgisch auf den Punkt gebracht: Die waren einfach nicht true, die Ladys. Bunte Schuessel hin, bunte Schuessel her.

RT. 40 - PART I

Hallo.
War ja wirklich ne lange Abwesenheit.
Also, ich bin die unfassbar schoene und abenteuerliche Rt. 40 entlang getrampt von Mendoza bis Ushuaia (welches sich gerne auch als "Ende der Welt" verhurt) und habe dabei soviel erlebt und erfahren, dass keine 500 Fotos dies auch nur im Ansatz zeigen koennten. Nach anfaenglichen Zweifeln, ob eine phasenweise derart verlodderte und wenig befahrene Strasse ueberhaupt per Anhalter zu meistern ist, habe ich mich bald in den Rythmus aus langen Wartezeiten, dafuer aber auch langen Lifts hineingefunden. Unschwer vorstellbar, habe ich die verruecktesten Leute getroffen und die haarstraeubendsten Geschichten erlebt. Man koennte sich ja mal auf ein Bierchen treffen und erlebte Geschichten zum Leben erwecken!



Die Rt. 40 ist wirklich in einigen Teilen fast gar nicht mehr befahren. Foto stammt aus der Provinz Mendoza.

Bauern aus der Umgebung, die mich zur naechsten Kreuzung und ihren Knoblauch ins Dorf brachten.


Asphaltromantik. Romantisch vor allem fuers Steissbein, dass es ueberhaupt immer mal wieder ein paar Asphaltierte Kilometer gab. Uebrigens sind die asphaltierten Abschnitte ausschliesslich und immer nur in der Naehe groesserer Gas- oder Oelvorkommen zu finden...


Erste Hilfe auf argentinisch. Vermutet man in der Rot-Kreuz-Kiste zunaechst Pflaster oder sowas, belehren einen Mate, Yerbas, Kessel und Zucker eines besseren.



In diese Huette (Naehe Junin de los Andes, Patagonien, Neuquen) lud man mich zum spaetweihnachtlichen Asado; da diese allerdings von Kolumbianern bewohnt war, gab es endlich, endlich einmal wieder richtigen Kaffee.